Als in Cottbus die Hände hochgingen
Zwei Tage Deutsche Stadtmarketingbörse im Startblock B2: eine Stadt, die nachts aussieht wie frisch gebaut, eine Zaubershow mit Roboter, eine Studie mit guten Zahlen und ein Handzeichen in einem vollen Raum, das für mich mehr über den Stand der Dinge sagt als alles andere.

Ich bin am Sonntagabend nach acht Stunden Bahnfahrt in Cottbus angekommen, es war schon dunkel, und ich war müde. Der Weg vom Bahnhof zum Hotel führte durch Straßen, in denen kein Mensch zu sehen war, und an Häusern vorbei, die so sorgfältig renoviert sind, dass ich die ältesten Fassaden zuerst für Neubauten gehalten habe. Wer aus dem Ruhrgebiet kommt, kennt das Verhältnis meistens andersherum, viele Menschen und Fassaden, die auf ihre Sanierung warten. Ich stand also nach einem langen Reisetag in einer leeren, sehr schönen Stadt und wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Diese Frage hat mich durch die zwei Tage begleitet, und sie hat sich am Ende beantwortet, aber nicht dort, wo ich es erwartet hatte.

Am Montagmorgen bin ich zu Fuß zum Siemens-Halske-Ring gegangen, an den Rand des Campus der BTU, wo der Startblock B2 steht. Das Gründungszentrum wurde 2021 eröffnet. Von außen ein markanter Bau mit rubinroten Textilsegeln, innen Glas, Stahl, Holz und Beton, ein großer Saal und mehrere kleinere Räume für Vorträge und Meetings, dazwischen Ecken, in die man sich mit jemandem zurückziehen kann. Im Foyer steht eine Treppe, die als Sitztribüne gebaut ist und an diesen zwei Tagen genau so benutzt wurde. Davor ein Zelt für Essen, Kaffee und das, wofür man eigentlich zu einer Tagung fährt. Ich habe selten einen Veranstaltungsort gesehen, der so gut zu seinem Programm passte.
Das Erste, was ich getan habe, war nachzusehen, wen ich kenne. Es waren einige, Freunde, Bekannte, Kunden, mit denen ich länger keinen Kontakt hatte. Ein Wiedersehen an so einem Ort hat einen eigenen Rhythmus. Man bringt sich in zehn Minuten auf den Stand, wer gerade woran arbeitet, was aus einem Projekt geworden ist und was den anderen im Moment beschäftigt. Für mich gehören diese zehn Minuten zum Ertrag einer Tagung wie jeder Vortrag im Saal, und in Cottbus waren es viele davon.
Einer der Ersten, die ich getroffen habe, war Dieter van Acken, ein Kollege aus der KI-Branche, der für Tobit aus Ahaus mit einem Kollegen und einer Kollegin einen Stand in der Fachausstellung aufgebaut hatte. Tobit zeigte dort SideKick, und ich fand das eine wirklich gute Lösung, vor allem für Menschen, die nicht fließend KI sprechen wollen und trotzdem professionell damit arbeiten müssen. Gezeigt wurde eine gemeinsame Arbeitsumgebung für Teams mit digitalen Assistenten und unterschiedlichen KI-Modellen. Das Beispiel Ahaus stand am Dienstag auch auf seinem Programm: Laut Veranstaltungsbeschreibung arbeitet die Marketinggesellschaft der Stadt mit rund vierzigtausend Einwohnern mit dreieinhalb Stellen und vierzehn KI-Agenten. Sein Impuls lief parallel zu meinem, persönlich anhören konnte ich ihn deshalb nicht. Die Fachausstellung war klein, und sie war fein: keine Messehalle, sondern eine Handvoll Stände, an denen man mit den Leuten reden konnte, die die Sachen gebaut haben.

Um eins begann das Programm mit den Begrüßungen des Oberbürgermeisters Tobias Schick und des bcsd-Vorsitzenden Gerold Leppa. Über Leppas Rede und ihren letzten Satz habe ich unter Eine Stadt ist kein Datensatz, sagte die Maschine ausführlich geschrieben. Danach kam das, was im Programm als KI-Feuerwerk angekündigt war, zwanzig Werkzeuge, die das Marketing revolutionieren sollen, mit einem Roboter auf der Bühne, einer beleuchteten Fliege am Kragen des Vortragenden und etlichen gut gemachten Effekten. Es war sehr unterhaltsam, und das ist an dieser Stelle ein großes Lob. Die Vorstellung kam im Saal sichtlich gut an. Mich erinnerte sie an eine Zaubershow. Für meinen eigenen Arbeitsalltag nahm ich allerdings wenig mit, das ich am nächsten Morgen im Büro hätte anwenden können. Der Vortrag von Marie Kilg, der danach kam, war für mich das Gegenstück dazu, und über ihn steht unter Warum hat die KI Angst vor Cottbus? ein eigener Text.
In der Pause habe ich Taurean Reddeck getroffen, den ich aus meiner Arbeit für die Erlebnis Bremerhaven kenne und der dort inzwischen KI-Beauftragter ist. Wir haben uns hingesetzt, und ich habe ein Interview mit ihm geführt, das hier in Kürze erscheint. Ein Satz daraus ist mir geblieben: „Ich finde das eine unglaublich schöne Zeit.“ Er meinte damit die Möglichkeit, an einem Umbruch mitzuwirken, dessen Ausgang noch offen ist, und er sagte es als jemand, der die Kolleginnen und Kollegen im Blick hat, denen die Arbeit leichter werden soll, und die Daten, mit denen das geschehen muss. Diese Mischung aus Freude und Sorgfalt habe ich an diesem Tag nicht oft gehört.

Zwei Vorträge später bin ich gegangen. Die Anreise steckte mir in den Knochen, und ich wollte für den nächsten Tag noch etwas fertig machen: die Unterlagen zu meinen drei Praxisimpulsen in AI Papers verwandeln. Das sind Dokumente, die man in einen eigenen KI-Dialog lädt, ähnlich wie früher eine Bootdiskette in den Rechner. Sie geben der KI den fachlichen Kontext und Anweisungen, um als Trainer, Berater oder Erklärer für genau dieses Thema mitzuarbeiten. Wie gut das gelingt, hängt auch vom verwendeten System ab. So kann man nach der Tagung dort weiterarbeiten, wo der Impuls aufgehört hat. Auf den Gastgeberempfang in der Alten Chemiefabrik habe ich deshalb verzichtet, und ich habe es am nächsten Morgen nicht bereut.
Die Studie und das Handzeichen
Am Dienstag um 10:10 Uhr stellten Jürgen Block vom bcsd und Christian Eckert von der imakomm Akademie erste Ergebnisse ihrer bundesweiten Umfrage zu KI, Digitalisierung und Smart City im Stadtmarketing vor. Die vorgestellten Zahlen vermittelten ein positives Bild: Ein großer Teil der Organisationen arbeitet bereits mit KI. Gerade das hat bei mir Fragen hinterlassen. Denn wie diese Nutzung organisatorisch aussieht, kam mir zu kurz. Nach meinen Erfahrungen findet ein erheblicher Teil als Schatten-KI statt: Beschäftigte erledigen dienstliche Aufgaben über private Accounts, ohne dass es dafür einen gemeinsam vereinbarten Rahmen gibt. Ob eine konkrete Nutzung zulässig ist, hängt unter anderem von den Daten, den geltenden Vorgaben und der gewählten Anwendung ab. Aus den vorgestellten Zahlen allein lässt sich der Umfang dieser Schatten-KI nicht ableiten. Mich beschäftigt daran auch die ungenutzte Chance: In diesen privaten Chats haben Menschen enorm viel gelernt, das sie in eine professionelle gemeinsame Arbeit einbringen könnten.
Eine knappe Stunde später hatte ich dazu meine eigene Beobachtung. In den drei Praxisimpulsen, die ich am Dienstag gehalten habe, Strategie und erste Schritte, Vom Prompt zum Prozess und Mit KI im Dialog, habe ich jeweils zu Beginn um ein Handzeichen gebeten: Wer arbeitet bereits regelmäßig mit KI? In allen drei Gruppen gingen nach meiner Einschätzung etwa drei Viertel der Hände hoch. Bei den anschließenden Nachfragen wurden fast durchweg private Accounts genannt, etwa ChatGPT auf dem eigenen Handy für dienstliche Texte. Eine Teilnehmerin erzählte mir, sie arbeite privat mit ChatGPT und gehe davon aus, den Account später einfach in die Organisation mitzunehmen. So selbstverständlich sollte dieser Übergang nicht sein. ChatGPT bietet zwar eine Übernahme eines persönlichen Arbeitsbereichs in ChatGPT Business an. Dabei wandern aber auch bisherige Inhalte in den geschäftlichen Bereich; die Zusammenführung lässt sich nicht rückgängig machen. Private Inhalte, dienstliches Wissen und die Zuständigkeit der Organisation müssen deshalb bewusst auseinandergehalten werden. Die Folien und Praxishefte zu den drei Impulsen stehen unter Vorträge und Workshops zum Nachlesen bereit.
Die Räume waren voll, und sie blieben es bis zum Schluss, obwohl am Dienstagnachmittag schon viele Richtung Bahnhof aufgebrochen waren, weil Cottbus für die meisten eine weite Reise bedeutet. Mein Eindruck aus diesen drei Impulsen ist keine repräsentative Erhebung, aber er ist deutlich: Hier sitzen Menschen, die mit KI längst arbeiten und ihren Organisationen dabei teilweise voraus sind. Das Wissen ist da, es sitzt in den Köpfen und in privaten Chatverläufen. Was fehlt, ist häufig die Entscheidung der Organisation, es gemeinsam nutzbar zu machen, mit dienstlichen Zugängen, eigenen Regeln, einem Ort für das gemeinsame Wissen und der Klarheit darüber, wer wofür verantwortlich ist. Das ist vor allem eine organisatorische und strategische Aufgabe. Es ist die Aufgabe, die ich mit dem bcsd im KI-Lab Stadtmarketing ab dem 2. Oktober angehe, und nach Cottbus weiß ich genauer, womit wir anfangen.

Eine Stunde in der Altstadt
Gegen halb drei war mein letzter Praxisimpuls zu Ende, und Bernhard Pörksens Abschlussvortrag habe ich nicht mehr gehört, weil ich zum Bahnhof musste. Auf halbem Weg sah ich, dass mein Zug Verspätung hatte, eine Stunde, und diese Stunde habe ich genommen. Bis dahin kannte ich von Cottbus den Weg vom Bahnhof zum Hotel und vom Hotel zum Startblock, sonst nichts. Ich bin durch die Altstadt gegangen, und da war sie, die Stadt, die ich am Sonntagabend gesucht hatte. Die Straßen waren voll, die Cafés am Altmarkt bis auf den letzten Stuhl besetzt, Menschen in der Sonne, die den Nachmittag genossen, und vor den renovierten Fassaden, die mir nachts wie Kulissen vorgekommen waren, spielte sich das ab, wofür man sie renoviert hat. Ich habe einen Kaffee getrunken und beschlossen, wiederzukommen, ohne Tagung, weil das Cottbus, das ich kennenlernen wollte, offensichtlich genau dann stattfindet, wenn ich in einem Konferenzraum sitze.

Auf der Fahrt nach Hause ist mir aufgefallen, dass die Stadt und die Branche mir an diesen zwei Tagen dieselbe Lektion erteilt haben. Eine Stadt, in der man abends niemanden sieht, ist deshalb nicht leer, und eine Branche, deren Organisationen noch am Anfang stehen, ist deshalb nicht untätig. Man muss nur zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sein, am Altmarkt um drei oder in einem Raum, in dem man nach den Händen fragt. Die drei Viertel, die in meinen Räumen hochgingen, sind für mich das beste Argument für die nächsten Monate. Man muss diese Menschen nicht mehr überzeugen. Man muss ihnen ein Becken bauen, in dem sie nicht mehr allein schwimmen.

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