Eine Stadt ist kein Datensatz, sagte die Maschine
Der bcsd-Vorsitzende Gerold Leppa eröffnete die Stadtmarketingbörse in Cottbus mit einer Rede über Vertrauen, Verantwortung und die Grenzen der Künstlichen Intelligenz. Am Ende verriet er, wer sie geschrieben hatte. Warum die Enthüllung die Rede erst vollständig macht.

Am Montag hat in Cottbus die Deutsche Stadtmarketingbörse begonnen, knapp zweihundert Fachleute aus Stadtmarketing, Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung, drei Tage im Startblock B2, unter dem Motto Künstlich intelligent, natürlich kommunikativ. Die Eröffnung hielt Gerold Leppa, Wirtschaftsdezernent in Braunschweig und seit einem Jahr Bundesvorsitzender der bcsd. Ich habe die Aufnahme seiner Rede gehört, und ich will sie hier nacherzählen, weil sie zwei Reden in einer ist und die zweite die erste in ein anderes Licht stellt.
Leppa begann mit einem Bekenntnis. Er habe überlegt, ob er diese Rede von einer KI schreiben lassen solle, und sich dann für die klassische Variante entschieden. Die Maschine wäre schneller gewesen, räumte er ein, aber sie hätte vielleicht unterschätzt, was es bedeute, im Stadtmarketing mit etwas zu arbeiten, das sich nicht programmieren lasse, nämlich mit Menschen. Das Wochenende gab ihm Rückenwind, denn die Erfinder der Technik hatten gerade selbst öffentlich um Verlangsamung gebeten, und er erwähnte es.
Was folgte, war eine kluge, ruhige Rede über das, was diese Technik dem Stadtmarketing bringt und was sie ihm nehmen könnte. Leppa nannte die Möglichkeiten ohne Vorbehalt, schnellere Auswertung, personalisierte Information, automatisierte Routine, Zeit für Dinge, für die bisher keine war. Dann zog er die Linie, an der es ihm wichtig wurde. Die gewonnene Zeit solle nicht in noch mehr Texte fließen, sondern in Gespräche mit Menschen. Eine Stadt sei kein Datensatz und kein Algorithmus, ein Bürger keine Zielgruppe, die man möglichst effizient durch eine Veranstaltung schleuse. Schneller sei nicht automatisch besser. Wenn ein in drei Sekunden erzeugter Text genauso klinge wie fünfhundert andere, habe man eine Stunde gespart und die eigene Tonalität verloren. Und wenn künftig jede Stadt mit derselben Technik kommuniziere, drohten am Ende alle Städte gleich zu klingen, innovativ, nachhaltig, zukunftsorientiert und natürlich einzigartig. Wenn alle einzigartig seien, fragte er, ob das Wort dann noch etwas bedeute.
Von dort kam er zum Vertrauen, und das war der Kern. Bald werde man bei jedem Bild überlegen müssen, ob es echt sei, bei jedem Zitat, ob es gefallen sei. Vertrauen lasse sich nicht einfach generieren. Wenn eine KI einen Text schreibe, wer stehe dann dafür ein. Ein Algorithmus habe keine Verantwortung, und wenn ein Bürger eine falsche Antwort bekomme, sei der Satz, das habe die KI so gemacht, keine ausreichende Auskunft. Daraus leitete Leppa ab, was er die neue Kompetenz nannte, nicht die Fähigkeit, die Maschine zu bedienen, sondern die Fähigkeit zu beurteilen, wann sie hilft und wann man besser selbst denkt. Eine Maschine könne eine Stadt beschreiben, ein Mensch könne sie erleben. Er sei deshalb ziemlich entspannt, was die Zukunft angehe, nicht weil die Technik ungefährlich wäre, sondern weil er glaube, dass die Branche wisse, wofür sie sie einsetzen wolle.
Bis hierhin war es eine gute Verbandsrede, und wäre sie hier zu Ende gewesen, hätte man sie so in Erinnerung behalten.
Apropos Menschen
Dann sagte Leppa, er möge nicht lügen. Die Rede, die er gerade gehalten habe, stamme von einer KI. Er habe ihr den Auftrag gegeben, als Vorsitzender einer Bundesvereinigung über Stadtmarketing und KI zu sprechen, und das Ergebnis sei so gut gewesen, dass er beschlossen habe, es zu halten. Er habe die Maschine anschließend gefragt, ob man der Rede ihre Herkunft anmerken werde. Nein, hatte sie geantwortet, man könne es vermuten, aber nicht eindeutig erkennen, verlässliche Merkmale dafür gebe es nicht.
Und dann las er vor, was die Maschine ihm noch empfohlen hatte. Gerade weil er als Vorsitzender spreche, solle er persönliche Erfahrungen einbauen und ein paar weniger formale Formulierungen, damit der Eindruck entstehe, da spreche jemand über sein Thema, statt einen korrekten Text vorzulesen. Aus dem Satz, eine Stadt sei kein Datensatz, könne man etwas Wärmeres machen. Oder man wähle gleich zu Beginn einen persönlichen Einstieg, etwa den, dass er sich gefragt habe, ob er diese Rede selbst schreiben solle, es mit der KI ausprobiert habe und dann beschlossen habe, sie lieber selbst zu halten. Das wirke natürlich und selbstironisch und passe thematisch perfekt. Wenn er wolle, könne sie die ganze Rede noch einmal so überarbeiten, dass sie weniger nach Verbandsrede wirke und mehr Unperfektheiten und persönlichere Übergänge enthalte.
Genau diesen Einstieg hatte er zwanzig Minuten zuvor gesprochen.
Man muss einen Moment innehalten, um zu sehen, was hier geschehen ist. Eine Maschine hat eine Rede über die Unersetzbarkeit des Menschen geschrieben, die niemand als Maschinentext erkennen konnte, und sie hat dem Menschen anschließend beigebracht, wie er menschlicher klingt, mit Unvollkommenheiten, die sie ihm vorformuliert hat. Der Satz, Vertrauen lasse sich nicht einfach generieren, war generiert. Wer diese Wendung zum ersten Mal hört, hat das Gefühl, dass die ganze Rede unter ihr zusammenbricht. Sie handelt von Authentizität und ist in ihrer Herkunft das Gegenteil davon.

Warum sie trotzdem steht
Sie bricht nicht zusammen, und der Grund dafür steckt in der Rede selbst. Ihre Kernfrage galt dem, der für einen Text einsteht, und nur am Rande dem, der ihn schreibt. Leppa hat diese Frage beantwortet, indem er auf der Bühne stand und sagte, was war. Er hat den Text geprüft, Passagen gestrichen, die ihm zu schlecht witzelten, andere bearbeitet, und er hat ihn dann unter seinem Namen gehalten und die Herkunft offengelegt. Damit hat er die Rede ausgeführt, statt sie zu widerlegen. Die Verantwortung liegt bei dem, der unterschreibt, nicht bei dem, der tippt, und sie ist erst dann eingelöst, wenn der Unterschreibende sagt, wie das Dokument entstanden ist. Was Leppa in Cottbus vorgeführt hat, ist diese Bedingung in ihrer knappsten Form, ein einziger Satz nach der Rede, und er hat ihn bewusst ans Ende gestellt, damit man vorher erlebt, wie überzeugend der Text ohne diesen Satz war.
Darin liegt die eigentliche Lehre, und sie ist unbequemer als die Pointe. Hätte Leppa geschwiegen, wäre nichts geschehen. Niemand im Saal hätte es bemerkt, die Maschine selbst hatte es ihm bestätigt. Der Unterschied zwischen einem Betrug und einer Methode war an diesem Vormittag ein einziger Satz, den nur der Redner sprechen konnte. Es gibt keine Technik, die ihn erzwingt, und keine Erkennungssoftware, die ihn ersetzt. Das Vertrauen, von dem die Rede handelte, hängt vollständig an der Bereitschaft des Menschen, diesen Satz zu sagen, und das gilt für jede Stadtverwaltung, jede Pressestelle und jeden Verband, der ab morgen mit diesen Werkzeugen kommuniziert.
Leppa hat aus seinem Experiment übrigens keine Entwarnung gemacht. Die Maschine sei offensichtlich nicht verständig, sagte er, sie habe großes Potenzial, sie werde Werte nicht setzen und weise Entscheidungen hoffentlich nicht treffen, und ihre Fähigkeit zur Imagination, fast zur Manipulation, sei genau das, was man im vorliegenden Fall gesehen habe. Er nannte das Ergebnis verführerisch, und das Wort ist gut gewählt.
Was danach kam, war der nüchterne Teil, die Erwartungen, die der Bundesvorstand für die Branche formuliert hat. KI wird die Organisationen des Stadtmarketings verändern, ihre Prozesse, ihre Arbeitsplätze, ihre Kommunikation. Sie wird die Gegenseite verändern, Verwaltungen rechnen mit einem sprunghaften Anstieg von Einsprüchen gegen Bescheide, die Bürger künftig mit Maschinenhilfe verfassen. Sie verändert, wie Dritte recherchieren und was sie über eine Stadt erfahren. Und trotz alledem, so der Vorstand, bleibt der Fokus auf den Bedürfnissen der Menschen, auf Vertrauen und Authentizität, auf Begegnungen, die weiterhin auf Straßen und Plätzen stattfinden, im Handel und in der Gastronomie, und nicht in einem Chatfenster.
Die Maschine hatte Leppa vorgeschlagen, mit dem Satz zu beginnen, er habe sich gefragt, ob er diese Rede selbst schreiben würde. Es ist, im Rückblick, der wahrste Satz der Rede geworden, allerdings erst in dem Moment, in dem er ihn beantwortet hat.
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