Ein Nachmittag in Anholt - Was Archive KI beibringen können.
Archivare, eine Wasserburg und die Frage, was Künstliche Intelligenz von Menschen lernen kann, die seit Jahrzehnten Quellen prüfen. Ein Rückblick auf das Kolloquium Archive und KI.

Ich habe meinen Vortrag mit einer Bitte begonnen. Wer von Ihnen hat kein Ressourcenproblem bei seiner Arbeit, bitte Hände hoch. Niemand hob die Hand. Es war ein kurzer Moment, und er hat den Rest des Nachmittags bestimmt. Wer in Archiven und Sammlungen arbeitet, hat mehr Bestände als Zeit, und über KI spricht man dort nicht aus Neugier auf Technik. Man spricht darüber, weil die Arbeit liegen bleibt.
Eingeladen hatte die Bundesgemeinschaft für deutsch-niederländische Zusammenarbeit, am 25. September, zu einem Kolloquium über Archive und KI in Isselburg. Der Nachmittag fand auf der Wasserburg Anholt statt, und zu ihm gehörte eine Führung durch die Burg und ihre Sammlungen. Die Burg ist selbst ein Archiv, und sie ist bis heute in Privatbesitz. Im Frühjahr 1945 wurde sie bei Kampfhandlungen zu rund siebzig Prozent beschädigt. Wer durch die Räume geht, läuft also durch das Ergebnis von Entscheidungen, die Menschen damals getroffen haben, über das, was gerettet, wiederaufgebaut und später gezeigt wurde. Einen passenderen Ort für ein Gespräch über Archive kann ich mir kaum vorstellen.
Vor mir hatten andere bereits gezeigt, was die Technik heute kann. Ich wollte die Frage deshalb umdrehen. Gewöhnlich fragen wir, welche Arbeit uns eine KI abnimmt. Mich interessierte, was die Menschen im Archiv der KI geben können und wie sich dadurch die Qualität dessen verändert, was am Ende herauskommt. Die Frage beschäftigt mich, seit ich mit dem Stadtarchiv Aschaffenburg zusammengearbeitet habe. Das Archiv hat dort viele KI-Projekte der Stadt begleitet und manche als Prototyp mitentwickelt, und ich habe dabei gelernt, wie viel die Menschen in einem solchen Haus wissen, das in keinem Datensatz steht.
Der Beschluss und die Tat
Am deutlichsten wird das an einem kleinen Beispiel, das ich auch in Anholt erzählt habe. Eine Quelle dokumentiert, dass ein Rat beschlossen hat, eine Maßnahme durchzuführen. Eine KI, die diese Quelle zusammenfasst, schreibt daraus leicht, die Maßnahme sei durchgeführt worden. Sprachlich ist das eine winzige Verschiebung, historisch eine erhebliche. Die Quelle belegt einen Beschluss. Ob er umgesetzt wurde, müssen andere Unterlagen zeigen. Jede Archivarin sieht diesen Unterschied sofort, eine Maschine sieht ihn erst, wenn man ihn ihr erklärt. Und wenn man ihn erklärt hat, trennt die nächste Fassung sauber zwischen Absicht und Durchführung und sagt dazu, was offen bleibt.
Es gibt viele solcher Unterschiede, und sie gehören zum Handwerk. Wenn in den Beständen kein Vorgang zu finden ist, heißt das noch nicht, dass es ihn nie gab. Vielleicht ist der Teil des Bestands nicht erschlossen, vielleicht wurde anders abgelegt, vielleicht ist etwas verloren gegangen. Auf einer Burg, die 1945 zu großen Teilen zerstört wurde, muss man das niemandem lange erklären. Zwei gleiche Namen bedeuten auch nicht automatisch dieselbe Person. Das alles wissen Menschen, die mit Quellen arbeiten. Eine KI weiß es erst, wenn sie es gesagt bekommt, und darin liegt für mich die Zusammenarbeit, die ich Co-Intelligence nenne.
Wie weit neue Zugänge schon reichen, zeigt ein Projekt von der anderen Seite der Grenze, das gut zu diesem deutsch-niederländischen Treffen passte. Unter dem Namen Goetgevonden sind seit Dezember 2024 die Beschlüsse der Generalstaaten aus den Jahren 1576 bis 1796 durchsuchbar, rund eine Million Seiten. Das Huygens Instituut hat das Werkzeug gemeinsam mit dem Nationaal Archief entwickelt. Man kann nach Personen, Orten und Organisationen suchen, und neben jeder Transkription bleibt der Scan des Originals sichtbar. Mir gefällt daran, dass der Weg zur Quelle nie abreißt. Die Technik macht den Bestand zugänglich, und wer der Antwort misstraut, kann jederzeit nachsehen.
Der wichtigste Einwand
Der Moment, der mir von diesem Nachmittag am stärksten geblieben ist, kam in der Diskussion. Ein Teilnehmer sagte, einer Archivalie oder einem Buchbeleg, den ihm eine KI nennt, würde er nicht einfach vertrauen. Er würde nachsehen und selbst lesen. Ich fand diesen Einwand wichtig, weil er die Arbeit beschreibt, die auch mit der besten Technik bleibt. Selbst ein echter Beleg kann falsch verwendet werden, und eine überzeugend formulierte Antwort macht die Quelle nicht überflüssig. Auf einer meiner Folien standen dazu zwei Fragen, woher das System etwas weiß und woher ich weiß, dass es stimmt. Archive stellen diese beiden Fragen seit Generationen. In der Debatte über KI wird leicht übersehen, dass hier eine ganze Berufsgruppe längst kann, was wir jetzt alle lernen müssen.
Damit dieses Wissen nicht in einzelnen Chats verloren geht, braucht es etwas sehr Unspektakuläres. Nach einem Arbeitsgespräch mit der KI sollte ein kurzes Dokument entstehen, in dem steht, was die Aufgabe war, welche Quellen geprüft wurden, was offen ist und warum man sich wie entschieden hat. Ich habe dafür in Anholt das Bild der Bootdiskette benutzt. Wer früher einen Rechner von einer Diskette gestartet hat, kennt die Idee einer mitgebrachten Grundlage. Beim nächsten Mal legt man dieses Dokument wieder vor, und eine Kollegin kann dort weitermachen, wo man aufgehört hat. Die KI wird dadurch nicht neu trainiert, aber sie beginnt nicht jedes Mal bei null.
Mein Vorschlag für den Einstieg war bewusst klein. Zwanzig Minuten an einem Dienstag, eine echte, freigegebene Aufgabe aus dem eigenen Haus und ein Ergebnis, das man selbst beurteilen kann. Interessant wird es, wenn man danach sagen kann, welchen Unterschied die eigene Erfahrung gemacht hat, welche falsche Verbindung man verhindert hat und welche Frage erst nach einer fachlichen Erklärung sinnvoll wurde.
Durch die Burg
Nach dem Vortrag und der Diskussion gingen wir durch die Burg. Für mich war das die Abrundung des Tages, und der Rundgang hatte mehr mit dem Thema zu tun, als ich vorher gedacht hätte. Die Burg bewahrt Bilder niederländischer Meister, eine klassizistische Bibliothek und das Hausarchiv der Fürsten zu Salm-Salm, die bis heute auf der Burg wohnen. Das Museum ist seit 1966 für Besucher geöffnet. Man geht durch Räume, die 1945 zu großen Teilen in Trümmern lagen. Was heute an den Wänden hängt und in den Regalen steht, ist das Ergebnis vieler Entscheidungen darüber, was geborgen, bewahrt und gezeigt werden sollte.
Während der Führung fiel mir ein Gedanke ein, den ich im Vortrag nur kurz gestreift hatte. Platon lässt Sokrates im Phaidros klagen, ein geschriebener Text könne auf Rückfragen nicht antworten. Wer ihn nicht versteht, liest ihn noch einmal und bekommt dieselben Sätze. Eine Führung ist das Gegenteil davon. Wer durch Räume führt, kann einen Zusammenhang erläutern, auf eine Frage eingehen, eine Geschichte erzählen, die in keinem Katalog steht, und auch sagen, dass etwas nicht bekannt ist. Das wünschen wir uns von einem Archiv, mit dem man ins Gespräch kommen kann. An diesem Nachmittag konnte man erleben, wie es aussieht, wenn ein Mensch es tut.
Am Ende fügte sich der Tag für mich zusammen. Im Vortrag ging es darum, was eine Maschine vom Wissen der Menschen in Archiven lernen kann. In der Diskussion saßen genau diese Menschen, mit ihrer Vorsicht, ihrer Erfahrung und ihrer Gewohnheit, jeden Beleg selbst in die Hand zu nehmen. Und bei der Führung zeigte sich, was dieses Wissen ausmacht, wenn jemand es weitergibt. Auf meine erste Frage hatte niemand die Hand gehoben, weil allen die Zeit fehlt. Wenn KI den Archiven Zeit verschafft, sollte diese Zeit dorthin fließen, in Gespräche wie die an diesem Nachmittag und in Führungen durch Häuser, deren Geschichte man erst versteht, wenn sie einem jemand erzählt.
Die Folien meines Vortrags und das begleitende AI-Paper stehen in der Dokumentation auf Deutsch und auf Niederländisch bereit. Die Folien halten den Gedankengang fest; das AI-Paper vertieft die Beispiele und lässt sich auch als Grundlage für ein eigenes Gespräch mit KI nutzen.
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