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ARBEITEN MIT KI

Die Rückkehr der Schuhmacher

Mein Beitrag über die Website ohne Redaktionssystem hat viele Reaktionen ausgelöst. Die meisten kamen als Mail oder Messenger-Nachricht. Einige der deutlichsten kamen via Social Media und von Menschen, die ich kenne und schätze, und sie haben mir gesagt, was an meiner Seite nicht stimmt. Ich bin ihnen wirklich dankbar dafür. Ihre Kritik hat mich allerdings auf Gedanken gebracht, die mit Code wenig zu tun haben.

Aquarell einer offenen Roboterhand, die einen glänzenden braunen Herrenschuh präsentiert.

Ein guter Freund hat meine Seite durch ein Prüfprogramm für Barrierefreiheit geschickt und mir das Ergebnis mit einem Augenzwinkern unter den Beitrag gesetzt: 68,7 Prozent, „Semi Compliant“, 25 nicht bestandene Prüfungen nach den internationalen Richtlinien für barrierefreie Websites. Sein WordPress, schrieb er dazu, schneide da besser ab. Andere aus meinem Umfeld fanden den Code unnötig aufgebläht und vermissten einiges, was zu einer ordentlichen Website gehört. Meine Freunde sehen solche Fehler auf den ersten Blick, weil sie seit Jahren davon leben, sie zu vermeiden.

Anonymisierter Kommentar mit automatischem Barrierefreiheitstest für tentler.ai: 68,70 Prozent, Semi Compliant und 25 nicht bestandene Prüfungen nach WCAG 2.0, 2.1 und 2.2.
Das Prüfergebnis, das mir ein Freund unter meinen Beitrag gesetzt hat. Name und Profilbild sind unkenntlich gemacht.

Ich habe die Hinweise meiner KI gegeben und sie gebeten, selbst nachzusehen. Sie hat vier Seiten durch den offiziellen Prüfer des W3C geschickt, die Farben aus dem Code nachgerechnet und konkrete Fehler gefunden. Mein Name unter dem Zitat auf der Startseite hatte ein Kontrastverhältnis von 2,78 zu 1, vorgesehen sind mindestens 4,5 zu 1. Wer schlecht sieht, konnte ihn kaum lesen. Im Fragefeld war die Markierung abgeschaltet, die beim Bedienen mit der Tastatur zeigt, wo man sich gerade befindet. Das Logo bewegte sich nach meinen Wünschen ununterbrochen, auch bei Menschen, die in ihrem Gerät eingestellt haben, dass sie Bewegung auf dem Bildschirm nicht vertragen, und der Schalter zum Anhalten der Animationen hielt alles an außer dem Logo. Alle Bilder hatten dagegen Beschreibungen, die Sprache der Seite war korrekt angegeben, und ein Sprunglink führte direkt zum Inhalt. Die Fehler ließen sich beheben, ohne die Seite neu zu gestalten. Gesucht hätte ich sie ohne meine Freunde nicht.

Die Zahl im Prüfprogramm hat sich seitdem kaum bewegt, und auch das gehört in diesen Beitrag. Der Code besteht die Prüfung des W3C inzwischen ohne Fehler. Das Prüfprogramm meldet 68,82 statt 68,7 Prozent und 23 statt 25 nicht bestandene Prüfungen, siebzehn davon betreffen die Lesbarkeit. Fehlerfreier Code allein macht eine Seite also noch nicht barrierefrei. Ich lese das Ergebnis trotzdem als spannenden Zwischenstand. Das Programm bewertet nur die Seite, die man ihm gerade zeigt, und jede seiner Meldungen nennt eine Stelle und eine Regel. Mit beidem kann meine KI trainiert werden und damit arbeiten. Eine einzige Runde hat gereicht, um den Code besser zu machen, und ich bin ziemlich sicher, dass ein paar weitere Runden auch die Prozentzahl deutlich nach oben bringen würden. Bisher hatte ich dafür keinen Grund. Die Qualität meiner Website ist mir persönlich nämlich nicht besonders wichtig. Das klingt vielleicht respektlos gegenüber der Mühe, die sich meine Freunde gemacht haben, und so meine ich es nicht. Ich spiele mit dieser Seite. Ich probiere aus, was mit den neuen Werkzeugen möglich ist, und nutze jeden Hinweis, den ich bekomme, um daraus zu lernen. Ich will verstehen, was gerade passiert. Dafür ist eine Website, die ich jederzeit umbauen kann, ein wunderbares Versuchsfeld, auch wenn ich mit ihr nach professionellen Maßstäben keine Aufträge gewinnen kann und will.

Ich habe andere Gründe.

Viele Jahre lang stand ich bei jeder Website vor derselben Wand. Ich hatte Vorstellungen davon, wie meine Seiten aussehen und funktionieren sollten. Sie waren nicht besonders gut und nicht besonders klug, aber es waren meine Ideen, und ich wollte sie umgesetzt sehen. Professionell Programmieren kann ich selbst nicht. Die Profis, die es konnten, hatten eigene Vorstellungen davon, was gut und richtig ist, und brachten ihre Erfahrung und ihren Geschmack in jedes Projekt ein, mit der besten Absicht und vermutlich meistens zu Recht. Am Ende bekam ich trotzdem selten das, was ich eigentlich haben wollte, auch wenn es in ihren Augen funktionierte. Also bin ich auf Plattformen ausgewichen, deren Vorlagen wenigstens ungefähr so aussahen, wie ich mich zeigen wollte.

Die Wand gibt es heute nicht mehr. Ich kann bauen, was ich mir vorstelle, so schön oder so eigenwillig, wie ich es möchte. Wenn ich nicht weiß, wie man etwas richtig macht, lerne ich es und erkläre es der Maschine, so wie ich es mit den Hinweisen meiner Freunde getan habe. Je besser ich verstehe, wie Expertinnen und Experten an eine Aufgabe herangehen, desto mehr kann ich aus der KI herauskitzeln. Nach zwanzig Jahren vor dieser Wand fühlt sich das an wie eine Befreiung!

Dazu kommt eine Überzeugung, die manche nicht teilen werden. Ich glaube, dass wir Websites immer weniger für Menschen bauen, die sie besuchen, und immer mehr für deren KI-Agenten, die Informationen heraussuchen und sie so aufbereiten, wie der Mensch dahinter sie braucht. Wer in Zukunft – in naher Zukunft! – etwas über mich wissen will, fragt seinen Agenten, und der sagt ihm, ob mein Angebot ihm in seiner Lage etwas bringt. Ob die Seite schön ist, wird dann weniger zählen als die Frage, ob ihre Informationen klar und verständlich sind. Genau dabei helfen die Hinweise meiner Freunde zur Barrierefreiheit, und das hat mich überrascht. Ein Screenreader, der einem blinden Menschen eine Seite vorliest, braucht klare Überschriften und beschriebene Bilder. Ein Agent braucht dasselbe.

Beim Nachdenken über diese Reaktionen habe ich oft an die Schuhmacher gedacht, die vor zweihundert Jahren erlebten, wie Maschinen ihr Handwerk zu normieren begannen. Die neuen Schuhe waren billiger, es gab viel mehr davon, und am Anfang waren sie deutlich schlechter. Durchgesetzt haben sie sich trotzdem. Kaum jemand lässt sich heute noch Maßschuhe für 1.000 Euro machen oder eine Jeans auf den Leib nähen. Die Konfektionsware hat Millionen Menschen Dinge zugänglich gemacht, die sie vorher nicht haben konnten. Wir nennen das die Demokratisierung von Wissen und Fähigkeiten durch Technik, und gerade passiert sie wieder.

Was heute entsteht, unterscheidet sich allerdings von der alten Konfektionsware. Es ist, als könnte ich den Maschinen des Schuhmachers genau beschreiben, wie mein Schuh aussehen soll, und sie fertigten ihn für mich an, nur ohne den Schuhmacher. Daraus wird Maßarbeit ohne Meister. Am Anfang ist sie oft viel schlechter als die Arbeit des Meisters, das haben meine Freunde zu Recht bemerkt. Aber mit jedem Hinweis, den ein menschlicher Meister gibt, wird sie besser, lernt dazu, erweitert autonom ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Und das sehr, sehr schnell.

In meinem eigenen Freundeskreis erlebe ich, wie Menschen, die mit Code, Gestaltung und digitalen Produkten ihr Leben bestreiten, Aufträge verlieren und um ihre Existenz fürchten. Mit vielen von ihnen habe ich rund um Aufträge eine schöne, wichtige Zeit verbracht, zusammen gegessen und gelacht. Mit einigen begann so eine für mich und mein Leben wichtige Freundschaft.

Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Entwicklerinnen und Entwickler, der Designerinnen und Designer ihren Beruf in der heutigen Form behalten wird. Bleiben werden Spezialistinnen und Spezialisten, die besonders schwierige Fälle lösen und Menschen wie Maschinen beraten.

Wie gefragt deren Wissen ist, beschreibt Bloomberg in einem Bericht vom 16. Oktober 2026: Plattformen wie Mercor zahlen Fachleuten aus Medizin, Recht und Softwareentwicklung inzwischen bis zu 400 Dollar die Stunde dafür, dass sie KI-Systeme trainieren und prüfen. Bloomberg beschreibt aber auch die vielen anderen, die solche Arbeit für deutlich weniger Geld machen und dabei schwierigere Aufgaben und weniger verlässliche Aufträge bekommen.

Das zu akzeptieren tut weh. Wer viele Jahre etwas konnte, das andere nicht konnten, verliert mit dem Beruf neben dem Einkommen auch ein Stück dessen, was ihn ausmacht. Selbstwert und Zukunftsangst liegen da sehr nah beieinander. Ich werde niemandem sagen, er müsse sich keine Sorgen machen, denn wer gerade zusieht, wie seine Auftragslage dünner wird, würde mir das zu Recht nicht glauben.

Die Menschheit hat solche Umbrüche schon öfter erlebt, aber selten in diesem Tempo. Die industrielle Revolution hat die Art, wie wir arbeiten und miteinander leben, von Grund auf verändert und hatte dafür fast dreihundert Jahre. Der Umbruch durch die KI geschieht in wenigen Jahren. Das Tempo macht Angst. Aufhalten oder zurückdrehen lässt sich der Umbruch trotzdem nicht, davon bin ich überzeugt.

Die Menschen, die heute Software bauen, können nach meiner Überzeugung viel mehr, als einer Maschine beizubringen, was sie selbst können. Bei jedem großen Umbruch sind die neuen Möglichkeiten aus Menschen entstanden, die ihr Wissen in etwas verwandelt haben, das vorher nicht denkbar war. Die Dampfmaschine von 1712 sollte Wasser aus Bergwerken pumpen. Aus ihr wurde eine Industrie, die die ganze Welt verändert hat. Wir bezeichnen das als die Eigenlogik einer Technik, und ich erlebe sie jeden Tag, weil mir ständig Ideen begegnen, die es vor einem Jahr noch nicht hätte geben können.

Diese Eigenlogik verlangt allerdings, dass wir anders denken und anders arbeiten als bisher.

Wie die Eigenlogik für Menschen aussieht, deren Beruf gerade auf dem Spiel steht, weiß ich nicht. Ich kenne ihre Arbeit von außen, als jemand, der an ihrer Wand gestanden hat. Was sie können und wollen, wenn das Programmieren selbst nicht mehr das ist, wofür man sie bezahlt, können nur sie selbst sagen. Eine erste Spur habe ich an meiner eigenen Seite gefunden. Die Maschine hat die Fehler gemessen, gründlich und schnell. Wo sie suchen sollte, wusste sie aber erst, als ein erfahrener Freund darauf gezeigt hat. Den Anstoß gab jemand, der sein Handwerk kennt. Ob man darauf noch einen Beruf bauen kann, glaube ich nicht.

Zum Schluss habe ich eine Bitte an alle, die mir ihre Kritik geschickt haben. Lasst uns über euch reden, über das, was ihr könnt und was ihr vorhabt, und darüber, wo ihr selbst die Grenze seht zwischen dem, was die Maschine lernt, und dem, was bei euch bleibt. Ihr habt darauf vermutlich eher eine Antwort als ich, und ich würde sie gern hier erzählen, mit eurem Namen oder ohne. Die neuen Welten entstehen so oder so. Ich fände es gut, wenn wir sie gemeinsam betreten. Schreibt mir oder lasst uns darüber sprechen.

Mit mir sprechen