Bye, bye Wordpress - „Individual Software by AI“ löst „Software as a Service“ ab
Meine Website hat kein Redaktionssystem mehr. Gebaut habe ich sie in einem Arbeitstag, gemeinsam mit KI. Was ich daran gelernt habe, geht weit über Websites hinaus: Zum ersten Mal muss sich die Arbeit nicht mehr nach der Software richten.

Wer eine eigene Website betreut, kennt diesen Moment. Man will nur eine Kleinigkeit ändern, einen Absatz verschieben, ein Bild austauschen, eine Seite ergänzen, und verbringt die nächste halbe Stunde damit, herauszufinden, in welchem Menü, welchem Theme oder welchem Zusatzmodul das eigentlich versteckt ist. Danach stimmt der Abstand auf dem Handy nicht mehr, und irgendwo ist die Beschreibung für Google verloren gegangen. Ich habe das jahrelang mit WordPress, Wix und ähnlichen Systemen erlebt. Man lernt, in den Kategorien des Programms zu denken.
Seit einigen Wochen läuft tentler.ai anders. Es gibt kein Backend, in das ich mich einlogge. Wenn ich etwas ändern will, sage ich der KI, was ich erreichen möchte, und sie ändert die Dateien der Website, prüft das Ergebnis und veröffentlicht eine neue Version. Die Grundlage hat etwa fünf Stunden gedauert, die Feinarbeit danach noch einmal drei, also ungefähr einen Arbeitstag. Bezahlt wird das über mein KI-Abonnement, eine der größeren Versionen für 100 bis 140 Euro im Monat, die ich für meine anderen Projekte ohnehin brauche. Von jeder Fassung lasse ich mir einen Download erstellen, den ich notfalls in jedes andere System übertragen könnte. Und es ist deutlich weniger schiefgegangen als früher, bei Inhalt, Aufbau, Gestaltung und vor allem bei der Auffindbarkeit. Die Seite ist für Suchmaschinen optimiert und zusätzlich dafür, dass KI-Systeme sie verstehen und zitieren können.
Wie das technisch abläuft, ist schnell erklärt. tentler.ai ist eine eigens entwickelte Website, ohne WordPress und ohne Baukasten. Sie besteht aus ganz gewöhnlichen Dateien für Text, Gestaltung und Bilder, und diese Dateien liegen auf einem Webserver, der über meine KI-Arbeitsumgebung angebunden ist und die Seite unter meiner eigenen Domain ausliefert. Wer tentler.ai aufruft, bekommt also eine fertige Website, die nicht jedes Mal neu von einer KI geschrieben wird. Der Chat ist meine Werkstatt, in der die Seite entsteht und gepflegt wird. Die Arbeitsteilung ist dabei klar: Ich bestimme Inhalte, Gestaltung und Richtung, die KI übernimmt nach meinen Vorgaben die technische Umsetzung und hilft bei Pflege und Weiterentwicklung. Ich schaue mir jedes Ergebnis an, bevor es online geht, und sage, wenn etwas nicht stimmt.
Man baut nur, was man braucht
Der Grund, warum das so schnell ging, ist unspektakulär. Ich musste kein WordPress nachbauen. Ich brauchte eine Website, und zwar genau meine. Ein Redaktionssystem muss Tausende Anforderungen von Tausenden Kunden abdecken, und jeder einzelne Kunde bezahlt mit Zeit und Aufmerksamkeit für all die Funktionen, die er nie benutzt. Wer mit KI eine eigene Lösung baut, baut nur den Teil, den er wirklich braucht.
Das gilt auch für größere Vorhaben. Der amerikanische Krankenversicherer Curative hat im Sommer seinen Salesforce-Vertrag über rund 600.000 Dollar im Jahr gekündigt, nachdem das Unternehmen in etwa zwei Monaten mit KI ein eigenes System für die Kundenverwaltung gebaut hatte. Das berichtete Benzinga im August. Der Softwarehersteller Retool hat Ende 2025 817 Menschen aus Entwicklung, IT und Fachabteilungen befragt, viele davon eigene Kunden. 35 Prozent sagten, ihr Team habe mindestens ein gekauftes Programm durch eine Eigenentwicklung ersetzt, und 78 Prozent wollen in diesem Jahr mehr selbst bauen. Weil Retool genau an solchen Eigenentwicklungen verdient, würde ich die Zahl nicht für ganz Deutschland hochrechnen. Die Richtung ist trotzdem deutlich.
Was dabei eigentlich passiert, halte ich für wichtiger als jede Einsparung. Jahrzehntelang war es selbstverständlich, dass Organisationen ihre Arbeitsweise an die Software anpassen, die sie gekauft haben. Man führte ein System ein und schulte die Mitarbeitenden darauf, in seinen Masken und Menüs zu denken. Jetzt lässt sich in immer mehr Fällen die Software um die eigene Arbeitsweise herum bauen. Wer mich kennt, weiß, dass ich das für ein Zeichen der Eigenlogik halte, in die KI gerade hineinwächst: Das Werkzeug ändert, wer sich an wen anpasst.
Was nicht verschwindet
So einfach, wie es klingt, ist es allerdings nicht. Salesforce hat auf den Fall Curative mit einem Satz reagiert, den ich für richtig halte: KI habe das Schreiben von Code leicht gemacht, die eigentliche Arbeit liege darin, ein System sicher und regelkonform zu betreiben. Hosting, Datensicherung, Sicherheit und Wartung bleiben Aufgaben, auch wenn kein WordPress mehr dazwischensteht. Bei einer Website wie meiner ist das überschaubar. Bei einer Kundenverwaltung mit Gesundheitsdaten ist es eine ernste Verantwortung.
Auch die Abhängigkeit verschwindet nicht von selbst, sie wandert. Wer früher an einen Softwareanbieter gebunden war, kann jetzt an einen KI-Anbieter gebunden sein. Unabhängig ist nur, wer seine Inhalte und seinen Code tatsächlich mitnehmen kann. Deshalb lasse ich mir jede Fassung meiner Website herunterladen, und deshalb würde ich jeder Organisation raten, genau das von Anfang an einzuplanen.
Und die Retool-Umfrage enthält noch eine Zahl, die mich mehr beschäftigt als die 35 Prozent. 60 Prozent der Befragten haben im vergangenen Jahr etwas an der eigenen IT vorbei gebaut. Das ist dieselbe Bewegung, die ich in Cottbus bei der Schatten-KI gesehen habe: Die Menschen sind schneller als ihre Organisationen. Wenn Software so leicht entsteht, entsteht sie eben auch dort, wo niemand weiß, dass es sie gibt.
Worauf es jetzt ankommt
Die wichtigste Folge betrifft deshalb die Klarheit. Wenn eine Organisation ihre Werkzeuge in Wochen statt in Jahren bauen kann, muss sie viel genauer wissen, wie sie eigentlich arbeiten will. Sonst baut sie ihre bisherigen Unklarheiten nur mit großer Geschwindigkeit in neue Programme ein. Dass meine Website an einem Tag stand, lag vor allem daran, dass ich wusste, was sie leisten soll. Die KI hat es umgesetzt.
Peter Yang, der den Newsletter Behind the Craft schreibt, geht noch einen Schritt weiter. Er argumentiert, dass die wichtigsten Nutzer von Software bald gar keine Menschen mehr sein könnten, sondern KI-Agenten, die Programme in unserem Auftrag bedienen. Für meine Website trifft das noch nicht zu, ihre Besucher sind Menschen, die meine Arbeit kennenlernen wollen. Aber dass ich sie auch für KI-Systeme lesbar gemacht habe, ist vielleicht der erste Schritt in diese Richtung. Ich werde ein Auge darauf haben, wer in einem Jahr eigentlich meine Seite liest.
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