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ARBEITEN MIT KI

Ein Ordner voller Stunden

Was ein Hof über die Arbeit mit KI lehrt: Wissen sammeln, Zusammenhänge verstehen und Menschen entlasten. Eine persönliche Geschichte über Verantwortung, Vertrauen und einen digitalen Betriebsberater namens Charlie.

Pferde grasen auf einer grünen Weide vor einer Baumreihe am Hof Hasenhorst.
Pferde auf der Weide am Hof Hasenhorst.

Auf unserem Hof gibt es einen Ordner, in dem Arbeitsstunden stehen. Wer den Zaun kontrolliert hat, wer die Tränken gereinigt, wer beim Mulchen war, wer die Eicheln aufgesammelt hat, mit Datum und Dauer. Das klingt nach Verwaltung, und ein bisschen ist es das auch. Aber dieser Ordner ist eine Grundlage von allem, was wir in den vergangenen Monaten mit Künstlicher Intelligenz gemacht haben. Denn bevor ein Algorithmus irgendetwas Sinnvolles über einen Hof sagen kann, muss der Hof wissen, was er über sich selbst weiß.

Hof Hasenhorst liegt am Niederrhein. Gut fünf Hektar Land, 8 Pferde, ein Offenstall, in dem die Tiere Tag und Nacht draußen sein und sich bewegen können, und eine Stallgemeinschaft aus Menschen, die ihre Pferde hier halten und den Hof mit ihrer Arbeit tragen. Wir besitzen diesen Ort seit vier Jahren. Meine Frau und ich führen ihn landwirtschaftlich, eine Stallgemeinschaft gestaltet die Pferdehaltung mit.

Schon immer hatten meine Frau und ich Pferde und den Traum von einem eigenen Hof, mussten aber sehr viel lernen, was die ökonomische und ökologische Führung eines landwirtschaftlichen Betriebs betrifft. Das hat unser Verhältnis zu Daten geprägt. Wer lernen und besser werden will, lernt mit Demut, passt gut auf und schreibt akribisch auf.

Ich möchte an dieser Stelle etwas Persönliches erwähnen. Über einen langen Zeitraum, der erst im Frühling dieses Jahres endete, war ich krank. Post-Covid. Ich konnte denken und ich konnte entscheiden, aber ich konnte nichts machen, und zwar buchstäblich nichts. Für jemanden, der einen Beruf hat und einen Hof führt, ist das eine merkwürdige Lage. Die Pferde brauchen jeden Tag ihr Heu, die Zäune stehen nicht von allein, und Ideen bewegen keine Schubkarre.

Getragen haben diese Zeit Menschen. Meine Frau, die Verwaltung und Buchhaltung übernahm, und die Stallgemeinschaft, die Arbeit übernommen hat und Verantwortung dazu. Ein Mitglied führt die Werkstatt und Maschinen und setzt dort professionelle Maßstäbe. Ein anderes kümmert sich um das Heumanagement. Ein Landwirt aus der Nachbarschaft mäht, wendet und presst für uns das Heu und übernahm auch die landwirtschaftlichen Aufgaben, die einen Profi brauchen. Ich kann nicht beschreiben, wie dankbar ich all diesen Menschen bin, dass sie da waren, als ich sie brauchte. Ich erlebte diese Fürsorge, die mir Kraft und Ruhe für meine Genesung gab, sowohl in meinem Beruf als Berater, aber auch am Hof. Ich staune immer wieder, wie viele freundliche und hilfsbereite Menschen mich umgeben.

Und dann gab es eine zweite Hilfe, und ich nenne sie bewusst als zweite. Eine KI, die keine einzige dieser Stunden übernommen hat und das auch nie tun wird. Was sie getan hat, war anders und für mich in dieser Lage entscheidend: Sie hat aus dem, was ich denken konnte, etwas gemacht, mit dem andere arbeiten können, ohne dass ich daneben stehe und es erkläre.

Ich glaube, in der individuellen Information liegt der eigentliche Wert von KI, auch und wohl erst recht für kleine Betriebe, für Vereine, für Familien, für all die Orte, an denen kein Stab von Fachleuten sitzt. Ein allgemeiner Ratgeber für einen Hof beschreibt aber keinen Ort, den es gibt. Unser Boden ist lehmiger Sand mit niedrigem pH-Wert. Aber nur an bestimmten Stellen. Unser Heu ist eine ergänzende Grundlast über das ganze Jahr. Wenn das Wetter mitspielt. Unsere kräuterreiche Nachsaat verzichtet auf zwei sehr verbreitete Gräser. Weil diese zu viel Fruchtzucker einlagern.

Das steht in keinem Handbuch. Es steht aber in unseren Unterlagen und Dokumentationen.

Seit dem ersten Jahr sammeln wir penibel, was sich sammeln lässt. Bodendaten, die wir künftig laufend analysieren wollen. Laborwerte für das Heu. Saatgutmengen, Düngetermine, Schonzeiten. Die Hitzetage im Sommer und was wir dagegen getan haben. Und eben die Stunden. Aus all dem ist schon in diesem Jahr ein Informationssystem geworden, in dem diese Dinge zusammenliegen und miteinander gelesen werden können. Selbst wenn noch nicht alle Daten für ein Standardjahr vorliegen, geschweige denn für ein Ausnahmejahr, können wir auf dieser Grundlage Auswertungen vornehmen, die dann mit Web-Informationen weiter optimiert werden. Das hat drei Wirkungen, die ich vorher so nicht erwartet hätte. Alles wird einfacher, weil niemand mehr fragen muss, wie das noch gleich war. Alles wird überschaubarer, weil wir das Jahr mit seinen Pflichten und Fristen zum ersten Mal 2027 vollständig vor uns haben werden. Und es wird gerechter, weil eine Diskussion darüber, wer wie viel tut, sehr viel ruhiger verläuft, wenn sie von einer Zahl ausgeht und nicht von einem Gefühl.

Auf dieser Grundlage ist Charlie entstanden, unser digitaler Betriebsberater.

Wer die Serie „Clarkson’s Farm“ kennt, kennt auch Charlie Ireland. Ist Jeremy der kreative Chaot ohne Ahnung von Landwirtschaft, ist Profi Charlie ökonomisches Gewissen und Realitätscheck.

Genau so einen Profi wollte ich haben!

Natürlich ist ein solches Fachwissen unbezahlbar – und vor allen Dingen die Zeit, die es braucht, um es zu vermitteln und rund um die Uhr auch für die einfachsten Fragen zur Verfügung zu stehen. Also ist mein Charlie eine KI. Er ist kein autonomer KI-Agent, aber ein ausgefuchster Assistent. Er wurde nicht eigens auf unseren Daten trainiert. Er arbeitet mit Kontext, also mit dem Wissen, das zwischen den Daten liegt. Aus Unterlagen, Fotos, Gesprächen und Fragen lernt er ständig besser zu verstehen, wie der Hof, die Menschen und die Pferde funktionieren und was er uns deswegen individualisiert empfehlen kann. Wo ihm etwas fehlt oder sich widerspricht, fragt er nach, statt aus dem Gedächtnis zu argumentieren. Die Klugheit steckt im Material und in unserer Prüfung, nicht in der Maschine.

Heute schon ist Charlie ein wandelndes Lexikon dieses Hofes, das ich überall befragen kann, im Stall, im Auto, bei Beratungs- und Förderterminen, spät am Abend und am frühen Morgen. Er berät bei Projekten und Anschaffungen. Er kennt die Fristen im Förderwesen und erinnert daran, dass vor dem Termin mit der Landwirtschaftskammer kein Baum gepflanzt werden darf, weil ein zu früher Beginn die Förderung kostet. Er rechnet die Heuversorgung durch, vom Jahresbedarf, nach Klimaschwankungen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir nachbestellen müssen. Er behält die Entwicklungsschritte des Hofes im Blick und weiß, was beschlossen ist und was bislang nur eine Idee war. Ob es eine gute Idee ist oder wir sie besser noch einmal überdenken sollten. Oder noch besser: vergessen.

Was ich an ihm am meisten schätze, ist, dass er mitdiskutiert und nicht nur nickt. Bei riskanten Investitionen ist er vorsichtig und sagt das auch. Jede Empfehlung nennt ihren Preis an Geld, Zeit oder Belastung einzelner Menschen. Neuen Entwicklungen gegenüber ist er offen, sofern sie zu uns passen, wirtschaftlich und ökologisch. Und eine Frage stellt er bei jedem Vorhaben, die ich seit diesem Jahr besser verstehe als vorher: Was passiert, wenn du drei Wochen ausfällst?

Wie es mit KI weitergeht, habe ich in Schritten geplant. Zuerst geht es ums Hinschauen. Wir werden die Wachstumszonen unserer Wiesen über das Jahr fotografisch beobachten, an festen Punkten und in festen Abständen, um zu lernen, wie die Flächen auf Schonzeit, Nachsaat und Wetter reagieren. Wir werden die Temperatur im Heulager messen, weil Heu, das zu warm wird, gefährlich ist. Eine kleine Station wird Vogelstimmen aufnehmen, damit wir wissen, wer sich mit den Jahren bei uns ansiedelt. Vielleicht kommt zum Quad ein Hoflader hinzu, in dem überhaupt keine KI steckt, aber die tägliche Arbeit weiter erleichtert und viele neue Daten liefert. Später kann vielleicht ein autonomer Mähroboter Flächen übernehmen, die heute viel Zeit mit Gerät und Logistik kosten. Was danach kommt, entscheiden wir, wenn wir die Erfahrungen der ersten Schritte haben.

Eine Grenze gilt für alle diese Systeme, egal welche Sensoren wir einsetzen und was wir daraus lernen. Sie schauen auf Pferde, auf Flächen, auf Weiden, auf Heu, auf Wetter. Sie schauen niemals auf die Menschen dieser Gemeinschaft. Nichts davon misst, wer wann da war oder wie lange jemand für eine Arbeit gebraucht hat. Das ist die Bedingung, unter der so ein Ort überhaupt funktioniert. Menschen, die freiwillig ihre Stunden geben, tun das aus Vertrauen. Ein Werkzeug, das dieses Vertrauen aufs Spiel setzt, wäre teurer als jede Anschaffung, die es uns ersparen könnte.

Und für jede Maschine bleibt der bisherige Weg bestehen. Fällt der Roboter aus, wird gemäht wie bisher. Fällt der Rechner aus, hängt der Plan an der Wand. Wir haben in einem Sommer mit einem defekten Gerät gelernt, dass nichts so wichtig werden darf, dass sein Ausfall den Hof lahmlegt. Das gilt für Technik, und es gilt, wie ich inzwischen weiß, auch für Menschen.

Wem das alles dient, sieht man den Pferden nicht an. Sie bemerken nichts von Ordnern, Sensoren oder Landwirtschaftskammer-Berater*innen. Sie bemerken die ausgewogene Weide, den Schatten der Bäume, das Heu der eigenen Weiden, die Ruhe in der Herde. Genau das ist der Maßstab, und alles andere ist Mittel.

Seit dem Frühling geht es mir deutlich besser. Ich kann wieder mit anpacken, und ich habe dabei etwas wiederentdeckt, das ich lange vermisst hatte: wie viel Lebensfreude darin liegt, mit den Händen in Fell und Dreck zu wühlen.

Ich merke, dass der Hof auch meine Beratung verändert hat. Wenn ich heute mit einer Geschäftsführung über KI spreche, frage ich nicht mehr zuerst nach Werkzeugen, sondern danach, was die Organisation über sich selbst weiß, und wo dieses Wissen liegt. Meistens liegt es in Köpfen, und meistens in wenigen. Ich stelle die Frage nach den drei Wochen inzwischen in jedem Unternehmen, und sie führt dort zu denselben Gesichtern wie bei uns am Stalltreffen. Ich achte darauf, dass ein System, das Abläufe beobachtet, nicht unbemerkt zu einem wird, das Menschen beobachtet, weil dieser Übergang leise passiert und schwer zurückzunehmen ist. Und ich rate zu einem Anfang, der so klein ist, dass man ihn wieder abschalten könnte, ohne dass etwas zusammenbricht. Der Hof hat mir das nicht beigebracht, aber er hat mich daran erinnert, dass es überall gilt, wo Menschen mit KI arbeiten.

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