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ARBEITEN MIT KI

Der Mann, der nicht zeichnen konnte

Vor rund zweihundert Jahren belichtete Nicéphore Niépce die älteste heute erhaltene Kamerafotografie der Welt, ein Bild, auf dem fast nichts zu erkennen war, gemacht für einen Zweck, den es nie erfüllte. Wer heute wissen will, wo wir mit der Künstlichen Intelligenz stehen, findet an diesem Fenster in Burgund mehr Antworten als in jeder Prognose.

Gegenüberstellung: links Niépces Hofansicht auf der originalen Metallplatte, rechts eine seitenverkehrte, mit ChatGPT erzeugte KI-Interpretation mit Gebäuden, Dächern und einem Baum.
Links: eine Reproduktion von Nicéphore Niépces „Blick aus dem Fenster in Le Gras“, der ältesten erhaltenen Kamerafotografie, datiert auf 1826/1827. Rechts: eine seitenverkehrte, mit ChatGPT erzeugte freie KI-Interpretation des Motivs; keine historisch gesicherte Rekonstruktion.

Das Bild, um das es geht, zeigt einen Hof. Links ein Taubenschlag, rechts ein Backhaus mit schiefem Dach, dazwischen, wenn man lange genug hinsieht, ein Birnbaum und ein Streifen Himmel. Man muss es wissen, um es zu sehen, denn die Zinnplatte ist dunkel und spiegelnd, und je nachdem, wie das Licht fällt, verschwindet das Motiv ganz. Nicéphore Niépce nahm diese Ansicht aus dem Fenster seines Arbeitszimmers auf, auf dem Gut Le Gras bei Saint-Loup-de-Varennes, und Frankreich feiert in diesem Jahr das zweihundertste Jubiläum dieser Aufnahme.

Schon an diesem Jubiläum zeigt sich, wie unscharf die Anfänge großer Techniken überliefert sind. Das Harry Ransom Center in Austin, wo die 1952 wiederentdeckte Platte seit 1963 liegt, datiert sie auf 1827. Die französischen Jubiläumsfeiern beginnen 2026 und reichen bis 2027. Auch die berühmten acht Stunden Belichtungszeit, die in fast jedem Lehrbuch stehen, sind vermutlich Legende. Der Chemiker Jean-Louis Marignier, der Niépces Verfahren in jahrelanger Arbeit nachgestellt hat, kommt auf mehrere Tage, und das Bild selbst verrät es, denn die Sonne beleuchtet beide Seiten des Hofes zugleich, was an keinem einzelnen Vormittag möglich ist. Das Gründungsdokument des exaktesten Mediums der Geschichte ist also unterschiedlich datiert, mythisch umrankt und kaum lesbar. Es lohnt sich, das im Kopf zu behalten, wenn heute jemand mit großer Sicherheit erklärt, wo die Künstliche Intelligenz in zehn Jahren stehen wird.

Der schönste Umstand an dieser Geschichte ist aber ein anderer. Niépce wollte gar keine Fotografie erfinden. Er suchte ein Verfahren, um Druckvorlagen für die damals neue Lithografie herzustellen, denn die Steindrucke waren ein gutes Geschäft, und sein Sohn, der ihm die Vorlagen gezeichnet hatte, war zum Militär eingezogen worden. Niépce selbst konnte nicht zeichnen. Die Kamera war für ihn ein Umweg, ein Hilfsmittel für einen Mann ohne Talent zum Stift, und das Weltbild aus dem Fenster war ein Nebenprodukt seiner eigentlichen Absicht. Er starb 1833, ohne zu ahnen, was er angestoßen hatte, und in seinen Briefen sorgt er sich vor allem um die Schärfe der Kupferstiche, die er kopieren wollte.

Auch die Architektur hinter den heutigen Sprachmodellen wurde für etwas anderes gebaut, nämlich für maschinelle Übersetzung. Dass daraus Systeme wurden, die Verträge entwerfen, Programmcode schreiben und Röntgenbilder befunden, stand in keinem Plan. Die Absicht des Erfinders, das ist die erste Lehre aus Le Gras, sagt über die Zukunft einer Technik fast nichts aus.

Was die Zeitgenossen sahen

Die zweite Lehre steckt in den Prognosen derer, die dabei waren. Als das Verfahren 1839 durch Niépces Geschäftspartner Daguerre öffentlich wurde, soll der Maler Paul Delaroche ausgerufen haben, von heute an sei die Malerei tot. Der Satz ist wahrscheinlich erfunden, aber er fasst zusammen, was viele dachten. Charles Baudelaire meinte es 1859 ganz ernst, als er schrieb, die Fotografie dürfe höchstens die Dienerin der Künste sein, eine Zuflucht für gescheiterte Maler, und wehe der Kunst, wenn man sie ins Gebiet des Unwägbaren vordringen lasse. Gestorben ist am Ende ein einziges Gewerbe, die Miniaturporträtmalerei, deren Kunden zu den Fotografen abwanderten. Die Malerei selbst wurde durch die Konkurrenz nicht getötet, sie wurde befreit, denn wo die Ähnlichkeit eine Maschine erledigte, konnte der Pinsel sich dem zuwenden, was keine Linse sieht. Wenige Jahre nach Baudelaires Verdikt begannen die Impressionisten, genau das zu tun.

Am besten lagen damals die, die auf neue Sichtbarkeiten setzten, statt in der neuen Technik bloß einen Ersatz für das Alte zu sehen. Eadweard Muybridge bewies 1878 mit einer Batterie von Kameras, dass ein galoppierendes Pferd tatsächlich für einen Moment alle vier Hufe in der Luft hat, eine Frage, über die Pferdekenner seit Jahrhunderten gestritten hatten, weil kein Auge schnell genug war. Die Fotografie hat die Welt nicht abgemalt, sie hat Dinge sichtbar gemacht, die vorher niemand sehen konnte, und ihre größten Wirkungen lagen genau dort. Wer heute fragt, was Künstliche Intelligenz einmal leisten wird, sollte weniger darauf schauen, welche menschliche Tätigkeit sie imitiert, und mehr darauf, welche Muster sie sichtbar macht, die bisher kein Verstand fassen konnte. Die Vorhersage von Proteinstrukturen war ein erster Fall dieser Art, und vermutlich war sie das Pferd von Muybridge, nicht die Ausnahme.

Bemerkenswert ist auch, wann die Fotografie die Gesellschaft wirklich veränderte. Nicht 1827, nicht 1839. Der Kipppunkt kam 1888, als George Eastman eine Kamera verkaufte, die mit einem Werbesatz auskam: Sie drücken den Knopf, wir erledigen den Rest. Rund sechs Jahrzehnte liegen zwischen der Platte von Le Gras und dieser einfach zu bedienenden Kamera. Mit ihr gewann der Schnappschuss an Bedeutung, und immer mehr Menschen konnten ihr eigenes Leben selbst in Bildern festhalten. Die Schwelle, die zählt, ist selten die Erfindung. Es ist die Bedienbarkeit, und bei ihr entscheidet sich, wem eine Technik gehört. Für die Künstliche Intelligenz ist diese Schwelle bereits genommen, der Chatbot war ihr Kodak-Moment, und er kam nach fünf Jahren statt nach sechs Jahrzehnten. Was dagegen noch fehlt, ist alles, was der Fotografie erst danach zuwuchs, eine eigene Sprache, eigene Berufe, eigene Rituale. Der Fotojournalismus, das Passbild, das Album auf dem Wohnzimmertisch, nichts davon hatte ein Erfinder geplant. Die entsprechenden Formen der Künstlichen Intelligenz gibt es noch nicht, und niemand kann sagen, wie sie aussehen werden. Wir benutzen die neue Technik einstweilen so, wie die ersten Fotografen Gemälde nachstellten.

Wo der Vergleich endet

Ein Vergleich taugt nur, wenn man weiß, wo er bricht, und diese Bruchstellen gehören zur Wahrheit dieses Jubiläums. Eine Fotografie hat nie gehandelt, sie lag still in ihrer Schublade, während heutige Systeme Aufgaben verfolgen und Wege finden, die niemand vorgezeichnet hat. Die Fotografie verteilte sich in jede Hand und jedes Dorf, die Künstliche Intelligenz konzentriert sich in Rechenzentren weniger Anbieter. Und ihr Rohstoff ist ein anderer. Das Licht, das auf Niépces Platte fiel, gehörte niemandem. Die Texte und Bilder, aus denen die Modelle gelernt haben, stammen von Menschen, die dafür nicht gefragt wurden, und deshalb gibt es heute einen Streit ums Eigentum, für den die Fotogeschichte kein Gegenstück kennt.

Ein Gegenstück anderer Art kennt sie doch, und es führt zur letzten, größten Linie. Die Fotografie hat das Zeitalter begründet, in dem ein Bild als Beweis galt, vor Gericht, im Pass, in der Zeitung. Dieses Vertrauen musste verteidigt werden, von Anfang an, gegen Geisterfotografen, die trauernden Witwen retuschierte Verstorbene verkauften, und gegen Grenzverletzungen wie die zweier Reporter, die 1898 heimlich den toten Bismarck ablichteten, worauf Deutschland 1907 das Recht am eigenen Bild schuf. Das Recht folgte der Wunde, nicht der Vorahnung, so wie heute die Gesetze gegen Deepfakes den Betroffenen folgen. Aber das Vertrauen selbst hielt, zweihundert Jahre lang, und es endet jetzt. Eine Technik, die jedes beliebige Bild erzeugen kann, beendet die Epoche, in der ein Bild etwas bewies, und es ist eine eigentümliche Pointe der Geschichte, dass sie es pünktlich zum Jubiläum tut. Was Niépce am Fenster von Le Gras eröffnet hat, wird von der Nachfolgetechnik geschlossen, nicht böswillig, sondern beiläufig, als Nebenprodukt, wie damals.

Vielleicht ist das der Grund, warum dieses fast unlesbare Bild gerade jetzt so viel zu sagen hat. Es zeigt, wie eine Technik beginnt, blind für ihre eigene Zukunft, gemacht von einem Mann, der etwas ganz anderes wollte, verlacht von den Klugen und Jahrzehnte davon entfernt, ihre eigentlichen Formen zu finden. In dieser Phase stehen wir wieder, nur schneller. Auf der Platte von Le Gras kann man, mit Geduld und im richtigen Licht, einen Hof erkennen, einen Baum, ein schiefes Dach. Was wir heute vor uns haben, ist ähnlich körnig, und was darauf einmal zu sehen sein wird, entscheidet sich nicht in den Laboren allein.

Frank Tentler.ai

[Created with human/ai co-intelligence]

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