Wer den Maschinenraum bautPersönlich sprechen
← Zurück zu echtzeitgeist
ARBEITEN MIT KI

Wer den Maschinenraum baut

Europa will bei der Künstlichen Intelligenz unabhängig werden und plant dafür Rechenzentren und Chipfabriken in großem Stil. Eine Amsterdamer Politologin untersucht nun eine Abhängigkeit, die in dieser Rechnung bisher fehlt.

Aquarell: Zwei Hände in blauen Arbeitsjackenärmeln verbinden ein Netzwerkkabel mit einem Serverschrank.

Im Ruhrgebiet, wo ich lebe, kennt man diese Geschichte aus der eigenen Familie oder aus der Nachbarschaft. Als die Zechen in den fünfziger Jahren mehr Kohle fördern sollten, als die einheimischen Bergleute fördern konnten, schloss die Bundesrepublik Anwerbeabkommen, 1955 mit Italien, 1961 mit der Türkei, später mit weiteren Ländern. Ab 1963 kamen auch Bergleute aus Südkorea unter Tage. Das Wirtschaftswunder wird gern als Geschichte von Kapital und Technik erzählt. Unter Tage war es auch eine Geschichte von Menschen, die von weit her gekommen waren, um die Maschinen zu bedienen, die den Aufschwung trugen.

Ich musste an diese Geschichte denken, als ich von dem Forschungsprojekt der Politologin Julia Rone las. Rone arbeitet an der Vrije Universiteit Amsterdam, und der Europäische Forschungsrat hat ihr Anfang September einen seiner begehrten Starting Grants zugesprochen. Der Rat hat in dieser Runde 421 solcher Förderungen vergeben, ausgewählt aus einer Rekordzahl von 4807 Anträgen, jede mit bis zu 1,5 Millionen Euro für höchstens fünf Jahre. Rone will damit eine Frage beantworten, die in der europäischen Debatte über Künstliche Intelligenz kaum gestellt wird, nämlich wer die Infrastruktur baut, mit der Europa digital unabhängig werden will.

Die Rechnung ohne die Arbeit

Die Debatte über digitale Souveränität kreist bislang um drei Größen, um Technik, Kapital und Daten. Die Europäische Kommission hat im April 2025 in ihrem Aktionsplan für einen KI-Kontinent das Ziel ausgegeben, die Kapazität der europäischen Rechenzentren in fünf bis sieben Jahren mindestens zu verdreifachen. Dazu kommen Fabriken für Halbleiter, Gigafabriken für das Training von KI-Modellen und eigene Cloudangebote. Im Februar hat die Deutsche Telekom in München eine KI-Fabrik für die Industrie mit knapp zehntausend Grafikprozessoren in Betrieb genommen, und sie hat ihr Angebot ausdrücklich als Beitrag zur deutschen Souveränität beschrieben.

Rone fügt dieser Rechnung eine vierte Größe hinzu. Große digitale Infrastrukturprojekte hängen von Arbeitskräften ab, sagt sie, von hochqualifizierten KI-Fachleuten und Ingenieurinnen ebenso wie von Technikern mit mittlerer oder einfacher Ausbildung, die Rechenzentren bauen, verkabeln, kühlen und warten. Gerade diese zweite Gruppe übersehe man leicht. Wer über Künstliche Intelligenz spricht, denkt an Programmierer in Berlin oder Paris. Er denkt selten an die Elektriker und Kältetechnikerinnen, ohne die kein Rechenzentrum Strom bekommt und kein Serverraum kühl bleibt.

Wie sehr Europa bereits um Arbeitskräfte von außen wirbt, zeigen zwei Entscheidungen der vergangenen Monate. Frankreich hat 2025 seinen sogenannten Talentpass gelockert, um internationale Spezialisten leichter ins Land zu holen. Und am 30. März hat der Rat der Europäischen Union endgültig den EU-Talentpool beschlossen, eine Plattform, über die Arbeitgeber in Mangelberufen Bewerberinnen und Bewerber außerhalb der Union finden sollen. Die Teilnahme ist für die Mitgliedstaaten freiwillig, voll einsatzfähig soll die Plattform voraussichtlich bis Ende 2027 sein.

Ein Projekt über den ganzen Stapel

Neu an Rones Vorhaben ist der Zuschnitt. Sie will Arbeitsmigration über den gesamten technischen Stapel hinweg untersuchen, von den Chips über die Netze bis zur Cloud und zur Künstlichen Intelligenz. Und sie will verstehen, wie die Regeln dafür entstehen, im Zusammenspiel von Politik, Unternehmen, Gewerkschaften und den Beschäftigten selbst. Nach ihrer Darstellung ist das in dieser Systematik bislang nicht geschehen. Migration und Digitalisierung werden in der Politik als zwei getrennte Themen verhandelt, in unterschiedlichen Ministerien, mit unterschiedlichen Lagern und unterschiedlicher Tonlage. Rone hält sie für zwei Seiten derselben Frage. Europas Streben nach digitaler Autonomie lasse sich nicht von den Arbeitskräften trennen, die die nötige Infrastruktur bauen und am Laufen halten.

Daraus folgen Fragen, die wenig mit Technik zu tun haben. Wenn das digitale Wachstum Europas zunehmend von Arbeitskräften aus Drittstaaten abhängt, geht es um Arbeitsbedingungen, um soziale Absicherung und um die Lage von Menschen, die oft befristet oder in prekären Verträgen arbeiten. Die europäische Lebensmittel-, Landwirtschafts- und Tourismusgewerkschaft EFFAT hat den Talentpool im März aus diesem Grund kritisiert. Vermittler könnten ohne ausreichende Schutzmechanismen auf die Plattform zugreifen, die Kontrolle hänge an überlasteten nationalen Stellen, und für Ausgebeutete gebe es keinen eigenen Beschwerdeweg. Die Kritik betrifft andere Branchen als die Rechenzentren, aber das Muster ist dasselbe.

Zwei Wege und ihre Grenzen

Eine faire Darstellung muss auch die Gegenposition ernst nehmen. Viele halten es für den besseren Weg, die eigenen Leute auszubilden und umzuschulen, statt Fachkräfte im Ausland anzuwerben. Rones Projekt schließt das nicht aus. Die Pressemitteilung der Universität beschreibt internationale Anwerbung als schnellen Weg, Lücken zu schließen, neben der langfristigen Strategie, Menschen innerhalb Europas aus- und weiterzubilden. Die Frage ist eine der Zeit. Ein Rechenzentrum, das 2027 ans Netz gehen soll, braucht seine Monteure 2026, und eine Ausbildung zur Elektronikerin dauert in Deutschland in der Regel dreieinhalb Jahre. Wer die Verdreifachung der Kapazität ernst meint, wird beide Wege brauchen. Wie das Verhältnis zwischen ihnen aussehen soll, ist eine politische Entscheidung, und sie sollte mit Wissen getroffen werden statt mit Vermutungen.

Dieses Wissen fehlt bislang, und darin liegt für mich der Wert des Projekts. In vielen Gesprächen über KI in Organisationen fällt mir auf, dass über Künstliche Intelligenz gesprochen wird, als bestünde sie aus Modellen und Lizenzen. Die physische Schicht darunter, die Rechenzentren und Netze, kommt in solchen Gesprächen meist nur als Kostenstelle vor. Die Menschen, die diese Schicht bauen und betreiben, kommen gar nicht vor. Rones Forschung kann diese Lücke schließen, und sie kann zwei Debatten zusammenführen, die einander bisher aus dem Weg gehen. Wer über digitale Souveränität spricht, wird künftig sagen müssen, wessen Arbeit sie trägt.

Die Zechen im Ruhrgebiet sind geschlossen, die letzte förderte bis 2018 in Bottrop. Viele der Menschen, die einst zum Arbeiten kamen, sind geblieben, ihre Kinder und Enkel leben und arbeiten heute in der Region. Wenn in einigen Jahren in Europa die doppelte oder dreifache Rechenzentrumskapazität zur Verfügung steht, wird man auch ihre Geschichte erzählen. Es wäre gut, wenn diesmal von Anfang an in der Rechnung steht, wer sie gebaut hat und unter welchen Bedingungen.

Mit mir sprechen